Sucht euch ein “Corona-Projekt”

Power, Power, Power – das war das geplante Motto meines Frühlings 2020. Das Kleid für den Frühlingsball hängt im Schrank. Am 22. März wollte ich mich in einen roten Samtsessel lümmeln und mir fünf Stunden lang das neue Harry Potter Theaterstück in Hamburg ansehen. Am letzten Märzwochenende wollte ich nach Berlin zu einem Seminar, das ich sechs Monate lang geplant habe. Alles abgesagt. In zwei Wochen wollte ich nach Indien fliegen – und habe nicht mal mehr ein Visum bekommen. Meine Enttäuschung und mein Frust waren riesig groß. Jetzt sitze ich zuhause an meinem Schreibtisch. Mein iPhone-Kalender, der für die nächsten 8 Wochen mit kleinen „Beschäftigt“-Punkten ausgefüllt war, ist leer. Keine Termine, keine politischen Sitzungen, keine Verabredungen. Ihr kennt das wahrscheinlich auch nur zu gut. 

 

Wenn du ein Problem hast, versuche es zu lösen.

Kannst du es nicht lösen, dann mache kein Problem daraus.

Buddha

Gerade in diesen Zeiten ist das Zitat sicher streitbar. Es soll hier nicht um die Menschen gehen, die an schweren Verläufen von COVID-19 leiden. Das ist einfach nur furchtbar. Es nimmt uns alle in die Pflicht, die Ansteckungsgefahr so gut es geht einzudämmen. Das Motto muss daher lauten: #staythefuckhome


Man kann es – soweit man gesund ist – allerdings für sich persönlich anwenden, damit die Coronakrise uns nicht kirre macht. Ich habe versucht, die Einschränkungen nicht als Problem, sondern als Chance zu begreifen. Was kann ich jetzt machen, wozu ich sonst keine Zeit habe? Wie kann ich die Zeit für mich so gestalten, dass ich in einem halben Jahr denke: Ok, hätte schlimmer kommen können. 


Mein sogenanntes „Coronaprojekt“ ist meine Doktorarbeit. Ich liebe mein Thema, allerdings hatte ich aufgrund meines intensiven politischen Engagements als Deputierte der Bremischen Bürgerschaft und JU-Landesvorsitzende selten mehrere Stunden am Stück, in denen ich mich einfach nur in die Arbeit vergraben konnte. Das geht nun auch zuhause statt in der Bibliothek: Mein Laptop ist da und die meisten Aufsätze und Literatur habe ich schon besorgt oder finde sie online.

Anfangs hat das trotzdem nicht ganz so gut geklappt. Ich musste erst lernen, dass es wirklich stimmt: Man muss sich eine Routine schaffen. In Jeans und am Schreibtisch lässt es sich doch besser arbeiten als in Loungewear im Bett. Langsam akzeptiert auch meine Mutter, die in dieser Zeit das Haus ausmisten möchte, dass sie nicht jederzeit reinplatzen soll. 

Ich habe mir jetzt einen Tagesplan geschaffen: Von 8-12 arbeite ich an meiner Doktorarbeit, Mittagspause mit Spaziergang (Leute, Bewegung ist so wichtig und auch gut für das Immunsystem!), ab 14 Uhr dann bis 16 Uhr wieder an die Doktorarbeit, von 16-18 Uhr kümmere ich mich um meinen Job, den ich im Home Office machen kann. Zwischendurch gehe ich manchmal als Einkaufsheldin ehrenamtlich für ältere Menschen einkaufen (www.die-einkaufshelden.de, macht mit!). Den Plan kennt auch meine Familie, bei der ich derzeit bin.


Dann kommen die Abende, an denen ich normalerweise immer on tour gewesen bin. Was macht man da nur? Ich habe gemerkt, wie schön es ist, endlich mal wieder in Ruhe mit meiner Familie Abendbrot zu essen. Ich rufe und facetime mit meinen Freunden, die sonst gern mal hinten runterfallen, weil wir alle immer so schrecklich busy sind. Jetzt haben wir alle Zeit. Ich habe mir neue Stifte gekauft und wieder mit dem Zeichnen angefangen. Debussys Klavierstück, dass ich schon so lange lernen wollte, steht auf meinem Klavier. Meine Leseliste* wird kürzer. Gemeinsam mit Freunden schaue ich parallel Serien oder Filme. Bewegung geht per YouTube – ob mit Pamela Reifs Hardcore Workouts oder mit Yoga (es gibt eine App, die gerade kostenlos ist – Down Dog!, ansonsten kann ich euch Yoga with Adrienne und die Videos von Madeleine Shaw empfehlen). Langsam fange ich an, die Zeit zu genießen. Wann hat man sonst so viel Zeit für Self Care? 


Meine Empfehlung ist daher: Such dir dein Coronaprojekt. Wie willst du die Zeit für dich nutzen? Endlich diesen TikTok-Tanz lernen? Endlich nochmal dein Französisch aufbessern? Endlich wieder anfangen, ein Journal zu schreiben? Deine Möglichkeiten sind gerade endlos. Und in wenigen Monaten können wir dann alle weiterpowern. 



Meine Leseempfehlungen für die Coronazeit


  • Thinking, Fast and Slow von Daniel Kahneman: Dafür braucht man richtig Zeit. Man ist danach aber auch richtig schlau. 

  • From the Corner of the Oval Offive von Beck Dorey-Stein: Wie lebt man als Stenotypistin, die bei jedem Gespräch von Barack Obama Mäuschen spielen darf?

  • Big Five For Life von John Strelecky: Was sind deine Ziele im Leben?

  • Little Fires Everywhere von Celeste Ng: Ein nachdenklich machendes Buch über Gesellschaft, Rassismus und Liebe.

  • Education von Tara Westover: Wie man als Mädchen aus den Bergen Idahos, das nie zur Schule gegangen ist, zu einem PhD in Cambridge kommt. Steht auch auf Obamas Reading List! 


Viele Grüße

Eure Wiebke

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